Wie man einen Roman schreibt

Mittwoch, den 14. Oktober 1931
El Mundo, Aguafuertes porteñas

Der Chefredakteur der Zeitung kam letztens um neun Uhr morgens in der Redaktion vorbei; an einem anderen Nachmittag um drei, eines Abends um neun; einmal morgens um zwei und immer hat er mich umringt von Papier vorgefunden; ich war zu einem Verbrecher auf der Flucht verkommen, Siebentagebart, überdimensionale Schere und fast aufgebrauchter Radiergummi neben mir.
Also blieb der Chefredakteur vor mir stehen und sagte:
„Kann man wissen was zum Teufel Du machst? Du schreibst den ganzen
Tag und lieferst nur alle Schaltjahre einen Artikel ab.“ Ich musste ihm antworten:
„Lieber Chef, ich bin dabei meinen Roman „Die Flammenwerfer“, der am dreißigsten dieses Monats rauskommt, fertigzustellen.“
„Gut. Schreib’ einen Artikel darüber wie man einen Roman schreibt.“ „Mit Vergnügen. (Ist gleichzeitig Werbung)“.

ARTEN EINEN ROMAN ZU SCHREIBEN—

Viele Leute sind neugierig wie man einen Roman schreibt, welche Arbeiten der Autor durchläuft. Kommen wir zur Sache.
Um einen Roman herzustellen, benötigt man ungefähr den Zeitraum von anderthalb Jahren. Wenn sich der Autor an die Arbeit setzt, sind die Figuren, die an der Handlung beteiligt sind, fast modelliert. Das heißt, dass sie sich während eines mehr oder weniger langen Zeitraums in seiner Imagination geformt haben. Es gibt Autoren, die sich einen strikten Plan entwerfen und sich davon nicht einmal im Scherz lösen.
Beispiel: Flaubert. Außenstehende können niemals feststellen, ob sein Roman in einem Blutbad oder einer Hochzeit endet. Beispiel: Pirandello. Einige sind so ordentlich, dass sie in ihrem Plan Hinweise folgender Kategorien festsetzen: „Die Figur niest auf Seite 92, Zeile 7; und andere haben keine Vorstellung von all dem, was sie alles tun werden. Das ist Dostowyesky (sic!) passiert, dessen Roman „Schuld und Sühne“ anfangs eine Erzählung für eine Zeitschrift war. Unmerklich verwandelte sich die Erzählung in einen wohlgenährten und enormen Roman.
Der Schriftsteller „pur sang“ verabscheut von Herzen jede Methode (auch wenn er sie akzeptiert), Pläne und alles, was bedeuten könnte an ein bestimmtes Verhalten gebunden zu sein.
Er schreibt irgendwie was er in sich trägt, gemäß der Form, die eine oder zehn Figuren vorgeben.
Um sich nicht vollkommen zu verirren, macht er Notizen zu den wichtigsten Handlungssträngen. Das Material häuft sich an, während einige Monate vergehen.

PROBLEME DES AUTORS—

Dem instinktgeleiteten Schriftsteller liefern die Figuren Überraschungen wie echte Lebewesen. So zum Beispiel: X beschimpfte in einem gewissen Moment N, gegen alle Voraussicht des Schriftstellers.
Der Autor sagt sich:
„Es ist absurd, dass X N beschimpft. Er darf ihn nicht beschimpfen ...
Dann vergisst er dieses Ereignis und eines Tages, in einem Moment starker Ablenkung, sagt eine mysteriöse Stimme aus seinem Inneren und klärt das Rätsel auf:
„X beschimpfte N, weil er sich erinnerte, dass N ihm zu einem anderen Zeitpunkt einen üblen Streich gespielt hatte.“
Mir ist ein seltsamer Fall in „Die Flammenwerfer“ passiert. Eine Figur bringt eine andere um. Die Szene war zufriedenstellend entworfen, das Verbrechen war beschrieben wie es sich gehört, aber ich war nicht zufrieden. Es gab da etwas, was mir nicht klar war. Und plötzlich sagte mir die Stimme, auf die ich mich zuvor bezogen habe:
„Klar! Hinz war ein Barbar als er Kunz umbrachte. In dem Moment, in dem Kunz in sein Zimmer trat, war er im Zustand eines Nachtwandlers.“
Sofort erklärten sich mir ein Haufen Rätsel. Der feste Blick mit dem Kunz ohne Schuhe in das Zimmer dessen, der ihn töten würde, eindrang.
Solche Probleme ergeben sich dem intuitiven Autor haufenweise. Er sollte, anstelle Autor, besser Sekretär der unsichtbaren Figuren genannt werden. Er tut was sie ihm befehlen.

RADIERGUMMI UND SCHERE—

Wenn das Gros des Romans, das heißt der essentielle Teil, fertig ist, muss sich der Autor, der wie ich ungeordnet arbeitet, mit benediktinischer Geduld zu Besprechungen vor einem riesigen Chaos aus Papier, Ausschnitten, Notizen, Hinweisen mit Rot- und Blaustift einberufen.
Es beginnt die Aufgabe mit der Schere. Diese 20 Zeilen des dritten Teils sind zu viel; Kapitel Nummer 5 ist handlungsarm; 2 mangelt es an Landschaft und es ist lang; 6 ist überfüllt.
Die Landschaft, die keine Beziehung zum subjektiven Zustand der Figur hat, wird zuletzt angefertigt. Manchmal fehlt das Ende eines Teils; den hat der Autor für später aufgehoben, weil er diesem Ende keine Wichtigkeit beigemessen hat. Nun, im Moment der Eile, merkt er, dass das Blödsinn war; dass das Ende ur wichtig ist und dass er es im Galopp studieren und rasant redigieren muss.
Dennoch, trotz der Unannehmlichkeiten, die das aufgezählte System bietet, arbeitet der Autor nie besser als dann. Nach einer Korrekturwoche von zehn oder acht Stunden täglich, habe ich fünf Kilo Gewicht verloren, die Nerven liegen blank. In Wahrheit scheint es so, als würde man nicht auf der Erde, sondern am Kamm einer Wolke arbeiten. Man sieht Frauen mit der selben Gleichgültigkeit an, mit der ein Schlafwandler Häuserfassaden bemerkt.
Sehr gute Bücher sind auf die Weise, die ich gerade beschrieben habe, geschrieben worden. Ich werde nicht ungerecht sein. Diejenigen, die sehr gute Bücher auf unordentliche Weise geschrieben haben, hätten sie vielleicht besser geschrieben, wenn sie ordentlich gearbeitet hätten; aber jeder Autor hat sein Temperament; also ihm nach. Das einzige, was man mit Recht vom Autor fordern darf ist, dass er uns nicht langweilt.

TRANSLATED BY MONIKA RAIČ

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To be against this manifesto is to be an artist.

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